Die Vier Höfe "ob der Wüste"

 

Eine besondere Stellung in der Geschichte des Reinerzauer Tales nehmen die vier Höfe “ob der Wüste” ein.

Eigentlich sind es ja sechs alte Höfe, die sich oberhalb des Gewannes “Wüste” befinden: Knechtsbauernhof, Johannesbauernhof, Mösenbauernhof, Deisenbauernhof, Jungbauernhof und Rötenbächlesbauernhof.

Doch in den alten Quellen werden nur die letzeren Vier - Mösenbauernhof, Deisenbauernhof, Jungbauernhof und Rötenbächlesbauernhof - als Höfe “ob der Wüste” (später - fälschlich - auch “in der Wüste”) bezeichnet.

Wie kommt dies ?

Bereits aus den Grenzbeschreibungen des Klosters Alpirsbach von 1100 und 1128 ist zu ersehen, daß diese Höfe außerhalb des Besitzes des Klosters Alpirsbach liegen. Sie gehören zu weltlichen Herrschaften, erst wohl den Grafen von Sulz, dann den Schenken von Schenkenzell als Dienstmännern der Herzöge von Zähringen und der Grafen von Freiburg, schließlich den Herren von Geroldseck. Die übrige Reinerzau sowie Wittichen und das Vortal waren dagegen seit 1095 im Besitz des Klosters Alpirsbach.

In dieser Grenzbeschreibung ist allerdings nur das Rötenbächle als Grenzbach erwähnt, das Wort Reinerzau taucht nicht auf. Sonst wäre die erste Nennung bereits 1128, es hätte dann 2004 keine 750-Jahr-Feier gegeben, sondern 2028 eine 900-Jahr-Feier (=> Vorschlag für ein Fest im Rötenbächle !).

Eingepfarrt waren diese Höfe in die Pfarrei Roßberg, wo die St.-Georgs-Kirche bereits 1275 erstmals erwähnt ist (übrigens in der gleichen Auflistung LIBER DECIMATIONIS wie die benachbarte St. Margareten-Kirche von Reinerzau mit ihrer zweiten Nennung).

Ein eindrucksvolles Zeugnis dieser einst engen Verbindung auf den Roßberg gibt noch heute die Roßbergsteige, die in uralten Zeiten vom Mösenbauernhof aus in einem aufwendigen Ausbau auf den Roßberg hinauf gebaut wurde.

Später verlor das Kloster Alpirsbach zwar die weltliche Herrschaft über Reinerzau, ganz Reinerzau war dann in Händen der Schenkenzeller und später der Geroldsecker. Kirchenrechtlich hat sich allerdings nichts geändert, Mösenbauernhof, Deisenbauernhof, Jungbauernhof und Rötenbächlesbauernhof waren weiterhin auf den Roßberg eingepfarrt und hatten dorthin ihren Zehnten zu entrichten, alle anderen Höfe waren in die Reinerzauer Kirche eingepfarrt.

Nach der Gründung des Klosters Wittichen (1324) haben sich zwei kirchenrechtliche Veränderungen ergeben: das Kloster Wittichen bekam von den Herren von Geroldseck das Patronatsrecht über die Roßbergkirche (1327) und die Witticher und Vortäler Bauern mit Gesinde wurden von Reinerzau nach Wittichen umgepfarrt (1336).

An der Zuordnung der Reinerzauer Höfe änderte dies jedoch nichts. Auch die Aufhebung der Pfarrei Roßberg und ihre Einbeziehung in die Pfarrei Wittichen ließen diese Zuordnung bestehen.

Auch im Lagerbuch des Klosters Alpirsbach von 1459/60 sind die vier Höfe “ob der Wüste” daher nicht erwähnt.

Dagegen sind sie ordnungsgemäß im Zinsverzeichnis der Roßbergkirche von 1532 aufgeführt, ebenso sind sie im Reinerzauer Herdstättenverzeichnis von 1525, dies entstand ja erst nach dem Besitzwechsel.

Noch 1475 entschied ein eigens einberufenes Schiedsgericht einen Streit zwischen den Herren von Geroldseck und dem Kloster Alpirsbach: die vier Höfe “ob der Wüstin” sind Alpirsbach keine Dienste schuldig, sondern gehören ganz zum geroldseckischen Gebiet.

Als beim Ausverkauf der geroldseckischen Herrschaft Schenkenzell die Reinerzau zu Württemberg kam und Wittichen und Kaltbrunn zu Fürstenberg kamen (1480-1500), änderte sich an der kirchenrechtlichen Zuordnung auch nichts.

Erst einige Jahre später, als Württemberg evangelisch und Fürstenberg katholisch waren, bestanden die württembergischen Landesherren darauf, daß ihre evangelischen Untertanen in die evangelische Kirche Reinerzau gingen und nicht in die katholische Roßbergkirche.

Doch noch 1575 mußte der Zehnten an die Roßbergkirche bzw. das  Kloster Wittichen geleistet werden, obwohl die Roßbergkirche nicht mehr besucht werden durfte !

Das Schiff der Roßbergkirche wurde übrigens 1547 unter Graf Wilhelm von Fürstenberg abgerißen. Er war ein radikaler Anhänger der Reformation. Unter seinen Nachfolgern, die die Reformation in Fürstenberg rückgängig machten, wurde die Kirche 1577 wieder vollständig aufgebaut.

Noch Jahrhunderte später, im Jahre 1804,  wird die ehemalige Zugehörigkeit der vier Höfe “ob der Wüste” als bedauerlicher Verlust in den Akten des Klosters Wittichen erwähnt.